Anfang November trafen sich die Vertreter von ArtAsyl e.V. und von KUMBIG e.V., um eine wichtige gemeinsame Kooperation einzugehen. Beide Vereine arbeiten gemeinnützig und setzen sich gezielt für die Förderung von Kunst- und Kulturarbeit in Köln ein. Bei ArtAsyl e.V. steht hier besonders die Kunst als Mittel der Integration von geflüchteten Menschen in die Stadt und in ihre neue Gemeinschaft im Vordergrund, KUMBIG e.V. geht es vor allem um die kulturelle Bildung Menschen aller Altersklassen und Nationalitäten sowie um die Förderung der Weiterbildungslandschaft in Nordrhein-Westfalen. Zudem übernimmt Andreas Hupke, Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks Köln-Innenstadt und Vorsitzender von KUMBIG e.V., die Schirmherrschaft von ArtAsyl e.V.

Bei dem gemeinsamen Treffen waren unter anderem Andreas Hupke sowie Jürgen Potratz, Geschäftsführer von KUMBIG e.V., sowie ArtAsyl-Vorsitzender Jérôme Lenzen anwesend, die im folgenden Interview ausführlich auf die zukünftige Zusammenarbeit und die gemeinsamen Ziele der beiden Vereine eingehen sowie die Bedeutung von Kunst als Vermittler zwischen den verschiedensten Kulturen und Nationalitäten hervorheben.

Schnittmengen von ArtAsyl e.V. und KUMBIG e.V.

ArtAsyl e.V. und KUMBIG e.V. gehen heute eine Kooperation ein, um in Zukunft gemeinsam und in gegenseitiger Unterstützung die Integration von Geflüchteten in Köln durch Kunst- und Kulturarbeit zu fördern. Zudem übernehmen Sie, Herr Hupke, damit auch die Schirmherrschaft von ArtAsyl e.V. Warum ist es sinnvoll, dass gerade diese beiden Vereine enger zusammenarbeiten? Wo liegen die Schnittmengen der Vereine?

Jürgen Potratz: Das Entscheidende ist, dass man gerade im Kulturbereich Schranken einreißen kann. Es ist ein Kommunikationsmedium – die Kunst, die Musik. Das ist weltüberspannend, das ist sprachenunabhängig, da kann man sich sehr schnell einfinden. Das merken wir auch bei den Teilnehmern, die unsere Kurse besuchen. Es ist das Medium, mit dem man Brücken schlagen und verbinden kann.

Jérôme Lenzen: Mit Kunst kann man einerseits Menschen allen Alters verbinden, andererseits kann sie Menschen, die aus einem anderen Land kommen, dabei helfen, in die Gesellschaft hineinzufinden. Um diesen ersten Schritt zu schaffen – dass man Angebote findet, Angebote suchen kann und Angebote auch tatsächlich da sind – dafür sind wir zuständig. Wir unterstützen diesen ersten Schritt und wollen die Menschen aus anderen Ländern in die Gesellschaft integrieren, sodass sie sich orientieren und ihre Fähigkeiten entdecken sowie ihre Vorerfahrungen weiterführen können.

Andreas Hupke: Was verbindet Menschen auf der ganzen Welt? Das ist die Kunst, die Kultur. Ich finde, dass wir hier eine ganz spannende Chance haben und Synergieeffekte zugunsten der Menschen, um die wir uns kümmern wollen, herausarbeiten. Ohne die Kreativität von ganz vielen unterschiedlichen Menschen, von Menschen mit Migrationshintergrund, wären wir alle viel ärmer. Ein Beispiel: Wir wollten zu meiner Zeit, als ich noch am Theater gearbeitet haben, ein Foto mit Menschen aller Nationen machen, die am Schauspielhaus arbeiten. Gezählt haben wir 47. Zudem müssen wir auch bedenken, was die geflüchteten Menschen, die hierher kommen, alles mitgemacht haben und da kommt für mich folgender Spruch zum Tragen: Kunst ist Brot für die Seele. Und das nicht nur für diejenigen, die Kunst betrachten und genießen können, sondern auch für diejenigen, die sich darüber ausdrücken können.

Persönliche Motivation des Schirmherren Andreas Hupke

Herr Hupke, Sie selbst sind neben Ihrem Amt als Bezirksbürgermeister auch Vorsitzender von KUMBIG e.V, und haben nun auch die Schirmherrschaft von ArtAsyl e.V. übernommen. Die Förderung der kulturellen und künstlerischen Vielfalt in Köln sind Ihnen quasi schon von Amtswegen her ein wichtiges Thema, wie würden Sie aber sagen, dass die Unterstützung der Vereine auch für Sie persönlich wichtig ist, vielleicht auch speziell im Hinblick auf das Thema Integration?

Andreas Hupke: Der Hauptaspekt steckt ja schon in der Frage: Es geht um Integration! Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Natürlich ist die Sprache hier ganz wichtig, das ist zunächst der Haupthebel zur Integration. Dann folgt aber auch ganz schnell die Kunst. Darüber lernt man andere Menschen kennen, darüber kann man sich ausdrücken, aber es ist auch ein wichtiger Faktor für das eigene Selbst. Über Kunst kann man den Charakter stärken, positiv ausbilden und  Selbstbewusstsein gewinnen – und das finde ich ganz wichtig! Ich kann da das Beispiel meiner eigenen Familie bringen: Wir waren damals bei uns im Ort auch die Flüchtlinge, aber wenn ich dann durchs Dorf ging, dann war ich nicht der Geflüchtete, sondern der Sohn der Malerin [Anm. d. R.: Andreas Hupkes Mutter war selbst Malerin] oder eben der, der malt. Dadurch hatte man direkt einen anderen Zugang. Ich bin selbst erst seit drei Jahren bei KUMBIG e.V. dabei und ich sehe, welch großes Potenzial und auch welch großes Netzwerk sich hier entwickelt hat.

Ausgestaltung der zukünftigen Kooperation

In der gemeinsamen Erklärung der beiden Vereine heißt es, dass KUMBIG e.V. und ArtAsyl e.V. ihre Absicht zum Ausdruck bringen, um „gemeinsam eine Kooperation einzugehen, um künftig als Partner für gemeinsame Interessen einzutreten, sich zu unterstützen und ein Netzwerk zu bilden.“ Wie genau soll die gemeinsame Kooperation zukünftig aussehen?

Jérôme Lenzen: ArtAsyl e.V. lebt von seinen freiwilligen, ehrenamtlichen Helfern. Das sind einerseits Laien, die die Projekte tatkräftig unterstützen, das sind andererseits aber auch Profis wie Musiker und Künstler, die auf eigenen Beinen stehen und ihr Geld auch hauptberuflich mit der Kunst verdienen. Gerade diese Künstler brauchen heutzutage eine große Lobby, die hinter ihnen steht und sie dabei unterstützt, aus kurzfristigen bzw. unsicheren Arbeitsverhältnissen herauszukommen. Diese Menschen opfern sich in ihrem eigenen Beruf noch einmal auf, um ehrenamtlich zu arbeiten. Für uns ist das sehr positiv und wir brauchen auch genau diese Unterstützung, aber genau deswegen müssen wir unsere ehrenamtlichen Helfer auch selbst unterstützen, damit diese auch in ihrer Haupttätigkeit in Lohn und Brot kommen. Kunst und Kultur ist mehr als nur, sagen wir mal, ein “Laberfach” in der Schule, aber alle anderen Fächer haben ein besseres Ansehen, was sich am Ende auch im Geld widerspiegelt. Für die Anerkennung der Kunst möchten wir uns gemeinsam einsetzen.

Jürgen Potratz: Leider nimmt die Gesellschaft oftmals nicht wahr, dass die unterstützenden Kräfte, die gerade die gesellschaftlichen Veränderungen, die aktuell vorherrschen, begleiten und auffangen, nicht ausschließlich ehrenamtlich arbeiten sollten und können. In unseren kunstpädagogischen Weiterbildungen sage ich zum Beispiel immer: Ihr könnt gerne ehrenamtlich arbeiten, aber haltet euren Fokus – schließlich setzt ihr eure Ressourcen ein. Ihr setzt das ein, wofür in jedem anderen Betrieb gesagt werden würde, dass die Arbeit nur gegen Geld erfüllt wird. Hier brauchen wir ein Umdenken in der Gesellschaft: Für die unterschiedlichsten Projekte und Ideen werden Gelder zur Verfügung gestellt, im Kunst- und Kulturbereich geht man oft selbstverständlich davon aus, dass die Arbeit ehrenamtlich getan wird. Deswegen haben wir gerade im Kunst- und Kulturbereich große Verarmungstendenzen. Organisationen wie die Künstler- und Sozialkasse gibt es ja, weil man sieht, dass viele im Kunst- und Kultursektor sehr wenig verdienen. Dafür sollten wir kämpfen. Wir als Verein haben hier bescheidene Mittel, mit denen wir einen kleinen Rahmen hierfür bieten können. Hier möchten wir ArtAsyl e.V. unterstützen, damit den ehrenamtlichen Helfern auch eine entsprechende kleine Anerkennung zugute kommt. Dazu gehören zum Beispiel auch gemeinsame Workshops.

Andreas Hupke: Es gibt ja drei Blöcke in der Integration: Die Sprache, der Beruf und auch den Freizeitbereich. Hierzu gehören Sport und Kultur und das ist etwas, was wir als eine Gesellschaft erbringen sollten. Und bei allem Respekt, das heißt dann nicht nur, dass eine pensionierte Kunstlehrerin anbietet, dass die Menschen bei ihr mal eine Stunde malen und danach wieder Fernseh gucken können. Und man muss ja auch bedenken, dass die geflüchteten Menschen nicht unbedingt aus Ländern kommen, die so ein demokratisches System wie wir haben. Und an einer Demokratie muss man immer arbeiten, wir haben ja nicht umsonst so ein gutes Grundgesetz, in dem auch in Artikel 5 die Freiheit der Kunst geschützt wird. Es gibt ja diesen schönen Spruch “Die Kunst ist die Tochter der Freiheit” und so können die Menschen durch die Kunst diese Freiheit auch mit aufbauen – und das ist ja auch Demokratie. Es geht darum, seine eigenen Gedanken auf Papier, auf Leinwand zu bringen. Natürlich gibt es auch hier Grenzen, aber es ist eine Freiheit und eine Möglichkeit, sich über unterschiedliche Gedanken auszutauschen.

Also geht es bei der Kooperation nicht nur um die gegenseitige Unterstützung der beiden Vereine, sondern auch darum, das Ansehen von Kunst und kultureller Förderung als Mittel der Integration zu stärken und die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren?

Andreas Hupke: Im Neudeutsche heißt das ja Win-Win-Situation. Die beiden Vereine haben einen Nutzen von dieser Kooperation, aber auch die Stadt Köln. Man nimmt ja dadurch Teil an der Integration.

Zielsetzung aller Beteiligten

Zum Schluss: Bitte formulieren Sie jeder Ihr persönliches Ziel, das Sie sich im Hinblick auf die Kooperation und Zusammenarbeit der beiden Vereine und der gegenseitigen Unterstützung gesetzt haben.

Jérôme Lenzen: Ich denke hier an unser Gründungsziel und hoffe, dass wir irgendwann einmal einen eigenen Raum zur Verfügung stellen und dem Verein ein eigenes Zuhause geben können. Auf der anderen Seite muss natürlich das Ziel sein, dass wir den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, helfen. Bei den geflüchteten Menschen geht es darum, die Fähigkeiten herauszustellen und zu fördern, mit denen sie Anschluss finden. Wir möchten, dass ein Kind, das bei uns entdeckt hat unglaublich gut malen zu können, in die Grundschule geht und nicht derjenige ist, der kaum etwas versteht, sondern derjenige, der so tolle Bilder malen kann. Das Selbstbewusstsein soll gefördert werden. Ich denke, das können wir gemeinsam leisten: Die Fähigkeiten nicht nur herauszufinden, sondern auch gezielt zu fördern.

Jürgen Potratz: Wir haben in der Kunstpädagogik einen klaren Begriff: Wahrnehmung gestalten. Ich glaube wir können gemeinsam gesellschaftliche Entwicklung wahrnehmen und auch, dass es Menschen gibt, die in unserem Kulturanspruch im unterstützenden Sinne motivierend auf den Weg gebracht werden sollen. Wir gestalten damit unsere Gesellschaft und damit auch das Zusammenwachsen unserer Gesellschaft. Wir sind alle hier irgendwann hingekommen, es ist ein Geschenk, in dieser Stadt zu leben. Das sollten wir alle gemeinsam wahrnehmen und Synergieeffekte schaffen sowie unterschiedliche Kompetenzen zusammenwerfen, dann ist das ein super Kooperationsbereich und es ist auch das, was diese Stadt braucht, um das geben zu können, was denjenigen entsprechend glücklich macht.

Andreas Hupke: Wenn jemand etwas Kreatives macht, dann ist es auch wichtig, dies zu unterstützen. Früher hieß es “Köln, Paris, New York”. Köln ist immer noch eine Kulturmetropole, aber momentan ist die Stadt ein schlafender Riese im Kulturbereich. Und wir wollen natürlich daran mitarbeiten, dies in unserer Stadt wieder zu pushen. Was mich persönlich angeht, kann ich sagen, dass ich schon viel herumgekommen bin und ich weiß, in Köln erreicht man da meiste – im positiven Sinne – wenn man Menschen kennt. Wenn du in Köln keine Menschen kennst, ziehst du am besten weg. Aber man kann auch gar nicht in Köln leben und keine Menschen kennenlernen. Wenn man hier Menschen kennt, dann eröffnet sich auch entsprechende Wege und man kann, ganz im Sinne der Sache, auch gute Erfolge erzielen und Unterstützung bekommen. Natürlich sind da immer viele unterwegs und man soll sich jetzt nicht als Verein unbedingt eine Frikadelle um den Hals binden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Da möchte ich zu beitragen, daher auch die Schirmherrschaft.

Jérôme Lenzen: Das ist uns auch wichtig – das Bekenntnis zur Stadt. Wir haben jetzt als Schirmherren mit Andreas Hupke jemanden, der ein gewichtiges Wort innerhalb der Stadt hat, der bekannt ist und für die Stadt steht. Köln ist als Stadt sowohl für KUMBIG e.V. als auch für ArtAsyl e.V. ganz wichtig, weil wir hier Menschen mit Herz haben. Ich denke, das beeinflusst auch, dass wir so einen guten Zulauf an ehrenamtlichen Helfern haben, die unsere Aufgaben so gut unterstützen. Jetzt ist es natürlich auch unsere Aufgabe, diesen schlafenden Riese im Kulturbereich zu wecken.